Witzwort vertellt

102: Trinkwasser aus Platenhörn für Tönning

1956 verfügten erst 17 Prozent der schleswig-holsteinischen Haushalte über einen Trinkwasseranschluss. Tönning gehörte seit 1950 dazu. Das stadteigene Wasserwerk stand in Platenhörn.

Genauer gesagt: in der Südermarsch, direkt an der Grenze zu Witzwort. Das Wasserwerk versorgte die Stadt mit Trinkwasser. Die Leitung führte an Witzwort vorbei, das erst 1956 angeschlossen wurde.

Seit 1900 arbeitete man in Tönning an der Realisierung der öffentlichen Trinkwasserversorgung. Angesichts wachsender Einwohnerzahlen und aufstrebender Industrie war dies eine wichtige Aufgabe. Das Wasser aus den Brunnen war von minderer Qualität und nur abgekocht zu verwenden. Aber es gestaltete sich schwierig, in der Marsch geeignete Wasserquellen zu finden. Viel Geld wurde in Probebohrungen in der näheren Umgebung Tönnings gesteckt, aber man fand nur mehr oder weniger salzhaltiges Wasser.
Weitere Ideen waren: Wasser aus der Dithmarscher Geest mit einem Düker unter der Eider durchzuleiten, Trinkwasser aus der Treene bei Friedrichstadt zu entnehmen oder aus Husum nach Tönning zu pumpen. Durch die Einrichtung des Seefliegerhorsts auf dem ehemaligen Eiderwerft-Gelände im Rahmen der nationalsozialistischen Kriegvorbereitungen erhöhte sich 1935 der Druck, für die gewachsene Bevölkerung das Trinkwasserproblem zu lösen.

Also nahm der Tönninger Bürgermeister Gerlach (1937-1945) die Sache selbst in die Hand: Nachdem er 1940 in der Nähe von Platenhörn artesische Brunnen1 beobachtet hatte, vereinbarte er mit dem Gastwirt John Röhe, einen Dauerpumpversuch über drei Tage aus dessen Hausbrunnen durchführen zu lassen. Das Wasser war von guter Qualität. Damit war endlich eine Lösung zur Versorgung der Stadt gefunden. Brigitta Seidel schreibt in ihrem Aufsatz "Trinkwasser für Tönning": "Das Wasserwerk kam nun endgültig hier zum Bau (...). Die Wassergewinnung erfolgte auf dem Gelände parallel zur Bahnstrecke aus drei 35 Meter tief abgeteuften Brunnen. Im Betriebsgebäude war das Pumpwerk mit drei Pumpen, zwei Druckwindkesseln und zwei Schnellfiltern zur Wasseraufbereitung untergebracht (...). Das 1941 in Betrieb genommene Werk besaß eine Kapazität von 40 m³ pro Stunde und eine Tagesleistung von 800 m³ und wurde automatisch über ein Fernkabel von Tönning aus gesteuert." Kriegsbedingt kam aber der Ausbau der Leitungen nicht entsprechend hinterher: 1948 waren ein Drittel der Haushalte angeschlossen und erst 1950 alle TönningerInnen mit Trinkwasser versorgt.

Als sich 1953 der Wasserbeschaffungsverband (WBV) Eiderstedt gründete, ging man zunächst davon aus, dass Platenhörn die gesamte Halbinsel versorgen könnte. Hydrologische Untersuchungen ergaben aber, dass die Salzwassergrenze mittlerweile bis 2 km von Westen her an das Wasserwerk herangerückt war. Für Eiderstedt baute man deshalb auf der Geest zwischen Rantrum und Oldersbek ein neues Wasserwerk. Platenhörn versorgte zunächst weiter Tönning. Zu dieser Zeit erst kamen auch die WitzworterInnen in den Genuss sauberen Trinkwassers - ab 1956 zunächst aus Platenhörn, dann ab 1957 aus Rantrum. Später schloss sich auch Tönning dem WBV an und erhielt ab 1967 sein Trinkwasser aus dem Rantrumer Werk. Der WBV nahm dann das Wasserwerk in Platenhörn außer Betrieb und verkaufte es 1976 an eine Privatperson.

Quelle: Brigitta Seidel: Trinkwasser für Tönning, Mitteilungsblatt der Gesellschaft für Tönninger Stadtgeschichte, Heft 26, S.93-115.

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