Witzwort vertellt
96: Familie Kasten und ihr anhaltender Kontakt zu Witzwort
Im Januar bekam die Archivgruppe Besuch von der Ostküste. Das Ehepaar Keunecke erschien mit zwei leckeren Kuchen im neuen Archivraum im Pastorat.
Doris Keunecke, geborene Kasten, war als Baby mit ihren beiden älteren Geschwistern und den Eltern von Gdynia (deutsch: Gotenhafen) im Januar 1945 auf der Admiral Hipper, einem Schiff der Kriegsmarine - zusammen mit 1500 weiteren Flüchtlingen – nach Kiel gelangt. Doris Keunecke: "Von dort ging es mit dem Zug nach Husum und in die umliegenden Dörfer und so wurden wir in Witzwort von Oma Holm und ihrer Tochter Anna empfangen und untergebracht. Wir wurden sehr lieb aufgenommen, lebten dort bis 1946, bis wir in unser Behelfshaus in Kiel, das mein Vater und Onkel aufgebaut haben, gezogen sind. Oma Holm hatte auf der Warft einen Bauernhof. Wir hatten ein Wohn- und ein Schlafzimmer. So hat es mein Bruder in Erinnerung. Wir haben Oma Holm danach ein paarmal besucht, aber dadurch, dass meine Eltern keinen Führerschein hatten und ihre Existenz aufbauen mussten, wurden die Besuche weniger (leider)." Doris' großer Bruder Walter besuchte ein Jahr lang die Witzworter Grundschule, wo Ludwig Oesau sein Lehrer war. Fast zeitgleich mit Oesaus Suspendierung im Januar 1946 zog die Familie Kasten nach Kiel. Aber heute noch erinnert sich der 90jährige an Oesaus komplizierte Rechenaufgaben, die ihm zu schaffen machten, weil er in seiner ersten Schule noch nicht mit Bruchrechnung zu tun gehabt hatte.
Walter Kasten beschreibt auch genau die Lage des Hauses, in dem Familie Kasten Unterkunft fand: "Die Landstraße ging (...) durch Witzwort Richtung Simonsberg. Auf ca. halber Strecke stand das Bauernhaus von Levsen und hinter dem Haus ging ein Feldweg nach rechts ab (...) Am Ende des Feldes lag die Warft mit dem reetgedeckten kleinen Bauernhaus."
So konnten wir rekonstruieren, dass Familie Kasten im Haimoorweg 2 wohnte. Das Haus ist heute in zwei Wohnungen aufgeteilt. Dank der guten Erinnerungen von Inge Claussen und anderen Archivgruppenmitgliedern, unterstützt durch die ausführlichen Stammbäume, die Wolfgang Matthiessen über seine Vorfahren u.a. aus der Familie Holm zusammengestellt hat, und nicht zuletzt aufgrund von Ludwig Oesaus Notizen können wir auch Auskunft geben über die beteiligten Personen: Oma Holm war Mathilde Holm (1866-1953), geborene Bartels, die im Haimoorweg 2 mit ihrem Mann Paul eine kleine Landwirtschaft betrieb. Sie hatten drei Kinder:
- Friedrich (1893-1943) heiratete Katherine Inter und arbeitete als Polizist in Hamburg. Ihre Kinder waren Friedrich, Johannes und Hilde. Nach Friedrichs Tod wohnte seine Witwe Katherine in der Dorfstraße 18 (Hinterhaus zu Dorfstr. 20).
- Anna (1896-1977) blieb unverheiratet.
- Johannes (1898-1979) heiratete Inge Dau und bewirtschaftete ab 1953 den Hof im Obbenskoog, von dem seine Mutter stammte. Sie hatten keine Kinder und lebten im Alter in der Dorfstraße 17.
Nach dem Tod von Paul Holm blieben seine Witwe Mathilde, genannt Tille, und Tochter Anna im Haimoorweg wohnen und hielten weiterhin ein paar Kühe. Inge Claussen erinnert sich, dass sie dort einmal mit Hilde, Annas Nichte, zu Besuch war. Anna bot ihnen "kuhwarme", frisch gemolkene Milch an. Das Geschmackserlebnis hat Inge allerdings nicht restlos überzeugt. Mathilde Holm starb 1953. Anna Holm verkaufte das Haus 1962 und zog zu Bruder und Schwägerin in die Dorfstraße 17.
Das Foto links zeigt Familie Kasten auf Besuch in Witzwort ca. 1956/57 vor dem Haus Dorfstraße 26: An einer der großen Linden, die damals noch vor dem Haus standen, lehnt Doris, daneben ihr Vater Willy, dann Schlachter Jann Sachau, der damals in diesem Haus lebte, und Doris' Mutter Emma. Das rechte Foto zeigt Anna Holm und ihre Mutter um 1950, vermutlich vor dem Haus Haimoorweg 2.

